Selbstständig zu arbeiten bringt viel Freiheit – aber manchmal auch finanzielle Unsicherheit. Gerade in Phasen mit wenigen Aufträgen, in der Gründungszeit oder bei Krankheit kann es schwer sein, den eigenen Lebensunterhalt zu sichern. In solchen Fällen kannst du als Selbstständige:r Bürgergeld beantragen und damit Unterstützung vom Jobcenter erhalten.
Ein zentraler Bestandteil des Antrags ist die sogenannte EKS-Anlage („Erklärung zum Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit“). Dieses Formular hilft dem Jobcenter dabei zu verstehen, wie viel du verdienst, welche Ausgaben du hast und wie sich dein Einkommen voraussichtlich entwickelt.
Damit dich das Ausfüllen der EKS nicht abschreckt, findest du hier eine praxisnahe Schritt-für-Schritt-Anleitung: Wir erklären, was du eintragen musst, wie die Berechnung funktioniert und worauf du achten solltest – verständlich erklärt und mit Beispielrechnung, Tipps und häufigen Fehlerquellen. So stellst du sicher, dass dein Antrag korrekt ist und schnell bearbeitet wird.
Auch als Selbstständige:r kannst du Bürgergeld beantragen, wenn dein Einkommen nicht ausreicht, um deinen Lebensunterhalt zu decken. Gründe dafür gibt es viele: ein vorübergehender Umsatzeinbruch, die Gründungsphase oder persönliche Herausforderungen wie Krankheit. Voraussetzung ist, dass du hilfebedürftig und erwerbsfähig bist und in Deutschland lebst. Das Jobcenter übernimmt dann nicht nur die Grundsicherung, sondern ggf. auch Miet- und Heizkosten sowie besonderen Mehrbedarf.
➡️ Hier erklären wir dir, was du alles beachten musst, wenn du als Selbstständige:r Bürgergeld beantragen willst.
Bevor das Jobcenter deine finanzielle Lage prüfen kann, musst du einige Angaben zu deiner Person und deiner Selbstständigkeit machen. Diese werden auf der ersten Seite des EKS-Antrags abgefragt.
1. Persönliche Daten der Antragstellerin/des Antragstellers
In diesem Abschnitt gibst du deine grundlegenden persönlichen Daten an:
2. Die Angaben in dieser Anlage beziehen sich auf folgende Person
Dieser Abschnitt ist nur wichtig, wenn du die EKS nicht für dich selbst, sondern für jemand anderen ausfüllst (z. B. als gesetzliche:r Vertreter:in).
Wenn du sie für dich selbst ausfüllst, wiederhole einfach die Angaben aus Punkt 1.
3. Vorläufige oder abschließende Angaben?
Hier gibst du an, ob du:
💡Tipp von Accountable: Die meisten Selbstständigen füllen die EKS zunächst vorläufig aus. Nach Ablauf des Bewilligungszeitraums wirst du vom Jobcenter zur abschließenden EKS aufgefordert.
4. Bewilligungszeitraum
Trag hier den Zeitraum ein, für den du Bürgergeld beantragst oder erhalten hast.
5. Angaben & Daten zur selbständigen Tätigkeit
5.1 Allgemeine Daten (nur bei vorläufigen Angaben nötig)
5.2 Kostenfrei überlassene Produkte
Hast du z. B. technische Geräte, Möbel oder Software kostenlos bekommen (z. B. durch eine Förderung oder Schenkung) und nutzt sie für dein Business?
5.3 Personal
Falls du selbst Mitarbeitende beschäftigst (oder planst), kreuze das entsprechend an.
Beispiel:
6. Zuschüsse/Beihilfen
Nur relevant bei vorläufigen Angaben. Gib an, ob du z. B. folgende Fördermittel erhältst oder beantragt hast:
Gib zu jedem Zuschuss an:
Folgende Dokumente musst du beifügen: Bescheide, Anträge oder Bestätigungen
7. Darlehen
Wenn du einen Kredit für dein Business aufgenommen hast (z. B. zur Finanzierung von Geräten oder einer Webseite), trage hier Folgendes ein:
Folgende Dokumente musst du beifügen: Darlehensvertrag, Kontoauszüge, Investitionsnachweise
Nach den allgemeinen Angaben zu deiner Person und Tätigkeit folgen nun die konkreten Zahlen zu deinem Geschäft. Dabei unterscheidet das Jobcenter klar zwischen Einnahmen (A) und Ausgaben (B). Diese Angaben machst du monatlich, jeweils für den Zeitraum aus Punkt 4 (Bewilligungszeitraum).
A – Angaben zu den Betriebseinnahmen
Hier trägst du alle Einnahmen ein, die dein Unternehmen im jeweiligen Monat erzielt – geschätzt (vorläufig) oder tatsächlich (abschließend).
Wichtig: Gib die Beträge netto an – also ohne Umsatzsteuer, es sei denn, du bist umsatzsteuerpflichtig.
Diese Felder musst du ausfüllen:
Feld | Was gehört hier rein? | Beispiel |
A1 – Betriebseinnahmen | Alle üblichen Einnahmen aus deiner Tätigkeit | Aufträge, Verkäufe, Honorare, Provisionen |
A2 – Privatentnahmen von Waren | Falls du selbst Produkte nutzt, die du sonst verkaufst | 2 eigene T-Shirts aus deinem Shop |
A3 – Sonstige betriebliche Einnahmen | z. B. geschenkte Arbeitsmittel oder Rückvergütungen | kostenfreier Laptop im Wert von 700 € |
A4 – Zuwendungen von Dritten | z. B. Geldgeschenke oder Zuschüsse, die nicht zurückgezahlt werden müssen | Förderung vom Gründerprogramm |
A5 – Vereinnahmte Umsatzsteuer | Nur wenn du umsatzsteuerpflichtig bist | Umsatzsteuer auf Rechnungen |
A6 – Umsatzsteuer auf Privatentnahmen | Gilt nur, wenn du der Kleinunternehmerregelung nicht unterliegst | z. B. Umsatzsteuer auf selbst entnommene Ware |
A7 – Vom Finanzamt erstattete Umsatzsteuer | Nur bei vorsteuerabzugsberechtigten Unternehmen | z. B. 150 € USt-Erstattung |
Summe der Einnahmen (A1 bis A7): Das ist dein Brutto-Umsatz, mit dem weitergerechnet wird.
B – Angaben zu den Betriebsausgaben und zum Gewinn
Hier geht es um alle geschäftlich bedingten Ausgaben – ebenfalls monatsweise aufgeschlüsselt.
💡 Tipp: Die Ausgaben wirken sich direkt auf deinen anrechenbaren Gewinn aus. Je besser dokumentiert, desto fairer die Berechnung.
Wichtige Ausgabepositionen im Überblick:
Feld | Beispielhafte Ausgaben |
B1 – Wareneinkauf | Rohstoffe, Handelswaren, Material |
B2 – Personalkosten | Löhne, Sozialabgaben, auch Minijobs und Familienhilfe |
B3 – Raumkosten | Miete fürs Büro, Strom, Heizung (anteilig bei Homeoffice) |
B4 – Betriebliche Versicherungen | Betriebshaftpflicht, Rechtsschutz etc. |
B5 – Kraftfahrzeugkosten | Je nach Nutzung: entweder als Betriebsausgabe (Fahrtenbuch!) oder pauschal (privates Auto: 0,10 €/km für betriebliche Fahrten) |
B6 – Werbung | Website, Google Ads, Flyer, Social Media |
B7 – Reisekosten | Bahn, Bus, Übernachtung, Spesen (ohne Kfz, siehe B5) |
B8 – Investitionen | z. B. Laptop, Kamera – bitte separat belegen! |
B9 – Investitionen mit Zuschüssen | Nur ausfüllen, wenn du z. B. Zuschüsse nach A4 erhalten hast |
B10 bis B13 | Kleinkram wie Büromaterial, Telefon, Beratung, Fortbildung |
B14 – Sonstiges | Alles, was sonst noch betriebsbedingt ist (z. B. Müllentsorgung, Bankgebühren) |
B15 – Schuldzinsen | Nur die Zinsen aus betrieblichen Krediten (nicht Tilgung!) |
B16 – Tilgung von Darlehen | Wird separat berücksichtigt |
B17 – Gezahlte Vorsteuer | Falls du umsatzsteuerpflichtig bist |
B18 – An das Finanzamt gezahlte USt | Monatliche oder vierteljährliche Zahlungen ans Finanzamt |
Berechnung des Gewinns
Am Ende der Seite rechnet das Formular automatisch:
Gewinn = Einnahmen (Summe A) – Ausgaben (Summe B)
Das Ergebnis ist dein vorläufiges oder tatsächliches Einkommen aus selbstständiger Tätigkeit, das dann zur Berechnung deines Bürgergeld-Anspruchs dient.
„Zu allen Angaben solltest du – soweit möglich – Kopien der Belege sammeln: Rechnungen, Kontoauszüge, Mietverträge, Versicherungsnachweise, Fahrtenbuch etc. Viele Selbstständige denken allerdings, sie müssten bei der EKS jeden einzelnen Beleg sofort mit einreichen. Tatsächlich reicht es oft, wenn die Ausgaben plausibel aufgelistet sind und Belege erst auf Nachfrage vorgelegt werden. Wichtig ist, dass die Angaben nachvollziehbar und stimmig sind – dann fragt das Jobcenter meist gar nicht weiter nach.“
– Robert, Accountable Steuer-Coach
In Teil C der EKS gibst du an, welche privaten Ausgaben du hast, die das Jobcenter vom Gewinn abziehen darf. Diese sogenannten „Absetzungen vom Einkommen“ reduzieren dein anrechenbares Einkommen – und können darüber entscheiden, ob (und wie viel) Bürgergeld du bekommst.
Du kannst hier auch regelmäßige Versicherungsbeiträge, Steuern oder Fahrtkosten zur Betriebsstätte eintragen. Wichtig ist: Die Ausgaben müssen belegt werden können und im Bewilligungszeitraum anfallen.
C1 – Einkommensteuervorauszahlungen oder -nachzahlungen
Wenn du als Selbstständige:r Einkommensteuer zahlst, trägst du hier die Höhe und den Zahlungsrhythmus ein:
C2 – Pflichtbeiträge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung
Gib an, wie viel du monatlich für gesetzliche Pflichtversicherungen zahlst:
👉 Beispiel: 480 € monatlich für KV/PV, 280 € für Rentenversicherung
C3 – Freiwillige oder private Kranken- und Pflegeversicherung
Wenn du privat versichert bist oder freiwillig in die gesetzliche Krankenversicherung einzahlst, trägst du hier die Beiträge ein – z. B. für Selbstständige in der PKV.
➡️ Krankenversicherung für Selbstständige: Viele Optionen
C4 – Altersvorsorge
Hier kannst du bestimmte Vorsorgebeiträge eintragen, z. B.:
Diese Ausgaben können das anrechenbare Einkommen weiter mindern – Nachweise sind wichtig!
C5 – Kfz-Haftpflichtversicherung
Falls du ein Auto besitzt, kannst du die Haftpflichtversicherung (nicht Vollkasko!) als notwendige Ausgabe geltend machen.
C6 – Weitere gesetzlich vorgeschriebene Versicherungen
Hier kannst du z. B. angeben:
➡️ Alles über die Versicherung für Selbstständige
C7 – Geförderte Altersvorsorge („Riester“) nach § 82 EStG
Wenn du Riester-Verträge besparst, trag hier deine monatlichen oder jährlichen Beiträge ein. Die Förderung musst du nicht gesondert angeben – nur deine Einzahlungen.
C8 – Sonstige Absetzungen
Dazu gehören z. B.:
Gib die Art der Absetzung an und füge passende Nachweise bei.
C9 – Unterhaltsleistungen für minderjährige Kinder außerhalb deiner Bedarfsgemeinschaft
Wenn du z. B. ein Kind hast, das nicht mit dir zusammenlebt, und Unterhalt zahlst:
C10 – Fahrtkosten zur Betriebsstätte (mit privatem Pkw)
Du nutzt ein privates Auto, um regelmäßig zur Betriebsstätte zu fahren? Dann gib an:
Hinweis von Accountable: Das Jobcenter zieht pauschal 0,20 € pro Entfernungskilometer und Arbeitstag ab. Du kannst auch höhere Ausgaben geltend machen – dann aber mit Belegen!
C11 – Mehraufwand für Verpflegung bei täglicher Abwesenheit von über 12 Stunden
Wenn du an bestimmten Tagen länger als 12 Stunden außer Haus warst (z. B. bei Messen, Kundenbesuchen), kannst du Verpflegungsmehraufwand geltend machen:
Abschluss des Abschnitts C
Am Ende des Abschnitts wird die Summe deiner personenbezogenen Ausgaben im Bewilligungszeitraum berechnet.
📌 Diese Summe wird vom vorher berechneten Gewinn abgezogen, bevor das Jobcenter prüft, wie viel dir ggf. an Leistungen zusteht.
„Ein häufiger Fehler ist, private Ausgaben als Betriebsausgaben anzugeben – zum Beispiel das Handy oder den Internetanschluss ohne Aufteilung. Das Jobcenter prüft solche Angaben genau. Wer sauber trennt und realistische Zahlen angibt, vermeidet unnötige Rückfragen oder Kürzungen.“
– Robert, Accountable Steuer-Coach
Ausgangslage
1. Einnahmen (Summe A1–A7)
Monat | Einnahmen (netto) |
April | 950 € |
Mai | 1.200 € |
Juni | 600 € |
Juli | 800 € |
August | 1.100 € |
September | 950 € |
Gesamt: | 5.600 € |
2. Ausgaben (Summe B1–B18)
Posten | Beschreibung | Summe |
B1 – Wareneinkauf | Adobe Creative Cloud & Fonts | 360 € |
B3 – Raumkosten | Anteil Miete & Nebenkosten Homeoffice | 900 € |
B4 – Versicherungen | Betriebshaftpflicht | 180 € |
B6 – Werbung | Portfolio-Website, Hosting | 240 € |
B10 – Büromaterial | Papier, Druckerpatronen | 60 € |
B11 – Telefon | geschäftlicher Anteil Handyvertrag | 180 € |
B14 – Sonstiges | Bankgebühren, Zoom-Abo | 80 € |
Gesamtausgaben | 2.000 € |
3. Vorläufiger Gewinn
5.600 € Einnahmen – 2.000 € Ausgaben = 3.600 € Gewinn
4. Abzüge (Abschnitt C – personenbezogene Ausgaben)
Posten | Beschreibung | Summe |
C2 – Kranken-/Pflegeversicherung | gesetzlich freiwillig versichert | 480 €/Monat × 6 = 2.880 € |
C4 – Altersvorsorge | gesetzl. Rentenversicherung | 280 €/Monat × 6 = 1.680 € |
Summe Abzüge: | 4.560 € |
5. Einkommen nach Abzügen
3.600 € – 4.560 € = 0 €
👉 Du bist im Minus – es bleibt kein anrechenbares Einkommen übrig. Du hast also Anspruch auf volle Leistungen durch das Jobcenter (Miete, Regelsatz etc.).
6. Was, wenn du nicht alles absetzen kannst?
Nehmen wir an, das Jobcenter erkennt nur die KV/PV als Abzug an:
Dann greift der Freibetragsmechanismus:
Fazit dieser Beispielrechnung:
Schon bei einem monatlichen Gewinn von 600 € oder weniger kannst du vollen oder teilweisen Anspruch auf Bürgergeld haben – besonders, wenn du deine Versicherungen selbst trägst.
Autor - Tino Keller
Tino Keller ist der Mitbegründer von Accountable und möchte damit Steuern und Finanzen für Selbstständige revolutionieren.
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